Das dritte Mal dort

Das dritte Mal dort

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Obwohl ich gerade erst die Schule abgeschlossen habe, habe ich schon drei Mal die Mahn- und Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besucht. Um den dritten Besuch soll es hier gehen. Ich möchte erzählen, warum dieser Besuch mich auf eine neue Weise aufgewühlt hat, wie die Fahrt im Allgemeinen abgelaufen ist und was ich dort realisiert habe. 

Eine unverhoffte Chance - Ein unausschlagbares Angebot

Im Rahmen meines FSJ habe ich angeboten bekommen, eine Gedenkstättenfahrt zu begleiten. Diese Möglichkeit bot sich, weil der ursprünglich eingeteilte Begleiter aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage war, an der Fahrt teilzunehmen. Da nun ein Platz frei geworden war, wurde nach Ersatz gesucht und kurzer Hand wurde ich gefragt. Weil ich mich stark für dieses Thema interessiere und ich das als gute Gelegenheit sah, mir weiteres Wissen anzueignen, war meine Antwort sofort ja. „Ich habe auf den letzten beiden Fahrten so viel gelernt, das ist ein unausschlagbares Angebot!“, dachte ich. Da es schon ein paar Tage später losgehen sollte, blieb mir so oder so nicht viel Bedenkzeit. Die Formalitäten waren schnell erledigt und ich bekam von allen nötigen Seiten eben so schnell die Erlaubnis, um mitzufahren. Ich buchte meinen Zug, packte meine Tasche und kam ins Denken … 

Panik stieg in mir auf. Ich merkte, dass ich das nicht so ganz durchdacht hatte. „Was habe ich mir da bloß eingebrockt? Habe ich die richtige Entscheidung getroffen? Ist das eine gute Idee?“ Meine Gedanken begannen zu kreisen und ich bekam starke Zweifel, ob das wirklich eine gute Entscheidung war. 

Die letzten Male hatte ich viel mehr Bedenkzeit und konnte mich wochen- oder monatelang darauf vorbereiten und nun hatte ich gerade einmal wenige Tage. Ich war mir unsicher, dass ich sogar überlegte abzusagen. Doch in mir gab es diesen Teil, der mitfahren wollte, weil er wusste, dass ich ganz viel Positives aus so einer Fahrt ziehen kann. Absagen war daher keine Option. Tief ein- und ausatmen half, um die Panik abklingen zu lassen. Meine Zweifel tauschte ich durch Überzeugung aus und packte meine Tasche zu Ende.

Erste Begegnungen - Erste Bestätigung

Nach einer komplizierten Anreise kam ich morgens am Treffpunkt mit der Klasse an, die ich begleiten sollte. Ich fühlte mich total hilflos und verloren. „Was mache ich nur hier?“, war der Gedanke, der erneut Zweifel aufbrachte. Ich hatte große Mühe, die Begleiter in der Schülermasse ausfindig zu machen, um mich vorzustellen. Zum Glück wurde ich ganz freundlich begrüßt und eingewiesen. 

Ich bestieg den Bus und ließ mich im vorderen Teil auf eine freie Bank fallen. Es folgten weitere Begrüßungen, ich beantwortete kurze Rückfragen zu meiner Person. Im Bus waren kaum noch Plätze frei und einer der begleitenden Lehrer entschloss sich, neben mir Platz zu nehmen. Zum Glück! Der Bus fuhr los und gleichzeitig begann unser Gespräch. 

Nach dem üblichen Small Talk redeten wir über tiefgründigere Themen. Die nächsten Stunden plapperten wir wie zwei Wasserfälle. Schon für dieses Gespräch hatte sich das Mitkommen gelohnt. Ich fühlte mich in meiner Entscheidung bestätigt. Ein gutes Gefühl. 

Die weitere Busfahrt und das Ankommen verliefen planmäßig und ohne nennenswerte Ereignisse. Das änderte sich am Abend.

 

Eine neue, dunkle und kalte Perspektive

Nach dem Abendessen kündigten die begleitenden Lehrer*innen einen Spaziergang an, um die Gegend zu erkunden und erste Eindrücke zu sammeln. Wir brachen auf und begannen durch die Dunkelheit zu stapfen. Ich bemerkte, dass es viel kälter war als in meiner Heimatstadt. Da ich schon zwei Mal in Oswiecim war und ich wusste, dass unsere Unterkunft sehr nah an der Gedenkstätte liegt, konnte ich mir denken, dass die Lehrer*innen vor hatten daran vorbeizulaufen. Und so geschah es auch. 

Wir spazierten mit der Gruppen auf dem Fußweg entlang, der das Lager umgibt. Mir bot die Atmosphäre, dominiert durch die Dunkelheit, die Kälte und den sternenklaren Nachthimmel eine völlig neue Perspektive. Die kühle Nachtluft tat mir gut. Meine Gedanken waren klar und gestochen scharf. Der spärliche Blick, den wir aufs Lager hatten, reichte aus, um Beklemmung auszulösen. Denn oft sind es vor allem die Dinge, die wir nicht sehen, die bei uns Beklemmung auslösen.

Mein emotionaler Endgegner

Wir liefen mit der Gruppe erneut zum Stammlager. Der Weg wirkte im Hellen viel kürzer. Die Führung begann, verlief und endete genauso wie die letzten Male. Lediglich eine Sache war anders: Wir liefen an der Todeswand vorbei, ohne eine Gedenkminute einzulegen. Für mich ist dieser kurze Moment des Gedenkens wichtig und ich war verwundert darüber, dass dafür in der Führung kein Platz geschaffen wurde. 

Da die Gedenkminute ausgefallen war, hatte ich keine Zeit durchzuatmen, um mich auf meinen emotionalen Endgegner vorzubereiten: Block 27. Mit dem Öffnen der Tür drang mir Musik entgegen und ich begann sofort zu weinen. In Block 27 befindet sich eine Dauerausstellung mit dem Titel „Shoah“. Eben dieses Wort erschlug mich beim Öffnen der Tür. In drei Sprachen ist dieses furchtbare Wort an die Wand geschrieben. Unser Guide erklärte etwas, doch ich hörte nicht zu, sondern begann so leise wie möglich zu weinen. 

Ein dunkler Durchgang führt in den nächsten Raum. Es kostete mich viel Kraft einzutreten. An alle Wände des Raumes werden Bilder und Videos projiziert, die das jüdische Leben Europas vor dem Krieg widerspiegeln, dazu hört man Gesang und Musik. Ich konnte den vielen Menschen kaum ins Gesicht blicken, so schlecht fühle ich mich. Es waren wunderschöne Bilder und Videos, die einmal mehr zeigten, dass es nicht „Juden“, sondern Menschen waren. Großes Unverständnis breitete sich in mir aus. Wie kann irgendjemand all diese Menschen auslöschen wollen?

Ich stand in der Dunkelheit und weinte. Mein Körper bebte, ich presste meine Kiefer aufeinander. 

Mir gelang es erst nach langer Zeit diesen Raum zu verlassen und über die Treppe in den Nächsten zu gehen. Den abgebildeten Menschen den Rücken zu zu kehren, fühlt sich nicht richtig an. 

Auch der Rest der Ausstellung sorgt dafür, dass mein Tränenfluss aufrechterhalten wird. Ich schleppe mich durch die Räume. Mein Unverständnis vergrößert sich mit jedem Schritt. Plötzlich stehe ich vor einem großen Schild. Ich beginne zu lesen und ein Kloß bildet sich in meinem Hals. Nur widerwillig gehe ich in den nächsten Raum und schaue mir die filigranen Kinderzeichnungen an, die dort an den Wänden zu finden sind. Kinder. Über 1,5 Millionen Kinder fanden damals ihren Tod. Unvorstellbar oder? Wenn ich mir vorstelle, wie jemand ein Kind tötet, wird mir schlecht. Ein Kind. Eine Million von Kindern. Unvorstellbar oder? Am Ende des Raumes hat sich eine Frage in meinem Kopf gebildet, auf die ich wohl nie eine Antwort finden werde: Wie kann ein Mensch in der Lage sein, ein Kind zu töten?

Eine bekannte Führung - Besondere Erinnerungen

Während der Führung durch Birkenau fielen mir ständig Dinge ein, die Batsheva uns damals dort erzählte. Der Gedanke an sie bringt mich zum Lächeln. Sie wäre froh, dass wieder eine Schulklasse über diesen furchtbaren Ort aufgeklärt wird. Ich stellte mir vor, wie Batsheva damals durch das Lager lief. Ich erkenne die Orte wieder, die sie dabei mit ihren Erinnerungen gefüllt hatte. 

Ich fasste den Entschluss, eine Geschichte von ihr an einer bestimmten Stelle zu erzählen, die mich, als ich sie damals hörte tief bewegt hat. Ich sprach mein Vorhaben mit unserem Guide ab, erzählte ihr kurz, worum es geht und beginne mir dann zu überlegen, wie und was genau ich sagen möchte. Es dauert noch fast eine halbe Stunde, bis wir am dazugehörigen Ort ankommen. Ich spüre Aufregung. Der Guide erklärt kurz etwas zu unserer Umgebung und übergibt mir dann das Wort. 

Ich sagte einen Satz und brach in Tränen aus. Ich konnte nicht weiter sprechen und entschuldigte mich. Ich hatte nicht gedacht, dass das passieren würde. Ich ärgerte mich, doch fand noch die Stärke um zu Ende zu erzählen.

Dieses kleine Beispiel soll deutlich machen, dass Geschichten manchmal erst dann ihre volle Bedeutung entfalten, wenn sie am dazugehörigen Ort erzählt werden. Darin sehe ich den großen Wert der Gedenkstättenfahrten. Sie bieten die Möglichkeit, die Orte des Schreckens zu besichtigen, all die Geschichten mit Bedeutung zu füllen.

Andacht, Tränen und Gemeinschaft

Eine kleine Gruppe von Schülern bekam vorher die Aufgabe eine Andacht zu organisieren. Diese wurde dann in der Kapelle unserer Unterkunft abgehalten. Das Gesagte traf mich, das Gesungene noch mehr. Als der erste Ton angestimmt wurde, begannen mir sofort Tränen über die Wangen zu kullern. Ich war tiefberührt, mein Kopf wurde heiß und meine Gedanken ganz ruhig. Als das zweite Lied angestimmt wurde, verstärkten sich meine Tränen, aber gleichzeitig strömte ein anderes, wohliges Gefühl durch meinen Körper. Ich konnte es nicht einordnen. Als das dritte Lied angestimmt wurde, begann ich besonders auf die einzelnen Stimmen zu hören, die gerade gemeinsam das gleiche Lied singen. Gemeinschaft. Das wohlige Gefühl ist das Gefühl von Geborgenheit. Von Gemeinschaft. Ich fühle mich wohl. 

Als die Andacht beendet war, wischte ich meine Tränen weg. Jemand lächelte mich an. Ich lächelte zurück. Ich war dankbar.

Wir verbrachten den Abend mit singen und Gesprächen. Ich genoss die Atmosphäre und die Gesellschaft. Es fiel mir schwer, gedanklich nicht zum Thema der Fahrt zurückzugleiten, weil es wie ein gepunkteter Elefant im Raum stand, um den alle herumtänzelten.

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